Mission „Befreiung“

Unter den Landungen der einzelnen Planken saß die Hohlkehle aus Gummi…

Die einen oder anderen werden sich vielleicht erinnern, wie wir manchmal über die Gummifugen zwischen den Planken geschimpft haben. Mittlerweile versprödet, schien uns die Dichtigkeit, für die die PU-Fugen im Überwasserbereich gelegt wurden, nurmehr eine kleine positive Nebenwirkung.
Hauptsächlich waren die Fugen Quelle andauender Probleme. Der ausgehärtete Lack über der flexiblen Holkehle war zum splittern verurteilt. Man kann sich das vorstellen wie eine dünne Eisschicht auf Wasser. Fuhr man mit den Fingernägeln durch die Fugen, machte es klickklicklick und die „Eisschicht“ war gebrochen. Daraufhin bildeten sich immer wieder mit Wasser gefüllte Lackblasen, und an vielen Stellen konnte man nach den ersten zwei Saisons der Timpe Te im Wasser die Holz-Lack-Verbindung mit einem bloßen Spachtel lösen. Auch die Fugen fielen schon hier und da aus den Landungen der Planken. Hatte das Gummi hauptsächlich die Funktion, den Rumpf zu dichten, hinderte es allerdings auch das Ablaufen eingedrungenen Wassers nach nassem Segeln. Es war unklar, in welchem Zustand das Holz darunter sein würde. Sicher aber weicher als anderorts.

 

Alles in allem also ein Trauerspiel, war der Lackaufbau im Überwasserschiffbereich eh ein Flickenteppich.

…die sich alleine mit der Ziehklinge so gut wie restlos entfernen lies…

Kurz davor, wieder mit dem punktuellen Ausbessern zu beginnen, holten wir uns dieses Jahr wieder ein Fachmeinung ein. Ja, es war ungewiss, was uns erwarten würde, wenn wir die Gummifugen entfernten. Rotte Landungen? Würde das Boot enorm an Dichtigkeit verlieren? Um dem entgegenzuwirken müsste man entweder aufwändig und zeitintensiv jedes zweite Niet lösen und neu setzen und die verbleibenden Niete nachziehen, oder abermals mit PU-Dichtstoffen arbeiten, so der Bootsbauer. Beides nicht sehr zufriedenstellende Perspektiven.

Und trotzdem: so konnte es nicht weiter gehen!

Also, Ziehklinge und Bunsenbrenner schnappen und an die Arbeit! Noch ist die Corona-Krise einigermaßen abstrakt und fern. Schnell sind die üblichen Verdächtigen zusammen am kratzen und schleifen. Die Fugen sind erstaunlich schnell mit der Klinge entfernt, die letzten Schlieren beseitigt der Exzenterschleifer. Auch der Lack ist schnell gelöst.

…der Rest war dann Job des Exzenterschleifers.

 

Es ist erstaunlich: stellt man am Anfang solcher „Befreiungsarbeiten“ immer steile Thesen auf, wie schnell man fertig sein müsste, dauert es schlussendlich mindestens zwei bis drei mal so lange.
…könnte man nach zwei Jahren Restaurierungsarbeiten eigentlich auch mal gelernt haben. Aber vielleicht braucht es gerade diesen Hochmut als Ansporn, überhaupt größere Projekte anzugehen.

Olde und Alex beim Schleifen – natürlich mit Mundschutz. Zu diesem Zeitpunkt allerdings noch hauptsächlich aus einem anderen Grund 😀

Lena und David zugange mit Ziehklinge und Bunsenbrenner

 

Lange Rede, kurzer Sinn: wir haben anstatt der angestrebten zwei Tage Abzieh- und Schleifarbeiten eine ganze Woche gebraucht. Schlussendlich ist es ja auch immer der Maßstab, an dem man sich orientiert, wie sauber geschliffen die Oberfläche sein soll. Wir haben uns dieses Mal für die ganz saubere Variante entschieden.

eindeutig: die oberste Planke hat eine andere Faserstruktur und Farbe

Die Gummifugen und der Lack sind restlos entfernt. Glücklicherweise ist das Holz nur an wenigen Stellen weich und die Planken liegen sauber aufeinander. Eine interessante Entdeckung, die wir im Zuge der „Befreiung“ gemacht haben, ist, dass die oberste Planke aus einem anderen Holz besteht als der der Rest des Rumpfes. Bedeckt mit dem Lacköl Benar, welches abdunkelnd wirkende Pigmente enthält, hatten alle Planken den gleichen rötlichen Ton. Aus welchem Holz die oberste Planke gemacht ist und wieso, habe ich von Reiner Boje, dem Voreigner erfahren. Es handelt sich um Zedernholz. Wahrscheinlich Bermudazeder, die einige Vorteile gegenüber Eiche mit sich bringt. Zum einen ist Zedernholz leichter als Eichenholz, sodass der Schwerpunkt des Bootes schön tief gehalten werden kann, zum anderen ist es weicher, nicht so spröde und splittert nicht so stark. Alles Vorteile bei einer Kollision. Über die Schönheit der obersten Planke, die offensichtlich aus dem Schema fällt, wird es wohl unterschiedliche Meinungen geben. Eines bestätigt die neue Erkenntnis allerdings eindeutig: die Timpe Te ist außerordentlich funktional und robust konzipiert.

 

Und dann standen wir kurz vor der Ernte: der neuen Lackierung.
Mittlerweile gab es die ersten Beschränkungen, die Kontaktsperre stand bevor und es war unklar ob, und wenn ja in welchem Umfang wir in der folgenden Zeit auf dem Gelände am Boot arbeiten dürften. Der Rumpf war nun ja frei von Lack, welcher ein schnelles Austrocknen des Holzes verhindern hätte können. Und dann regnete es auch noch. Zum Glück wurden uns Reste einer großen Folie geschenkt, mit der wir den freigelegten Überwasserbereich mit Gaffer-Tape quasi luftdicht „einschweißen“ konnten.

Das Boot überhalb der Wasserlinie provisorisch „eingeschweißt“

Das Holz mit D1 getränkt, die Scheuerleiste auf Hochglanz poliert – das sieht gut aus!

 

Allzu lange konnten wir allerdings auch nicht warten, bis das Holz einen neuen Lackaufbau, zuvor noch eine Imprägnierung bekommen sollte. An dieser Stelle möchte ich mich einmal bei meiner Familie bedanken, die seit Beginn der Kontaktsperre und auch schon zuvor maßgeblich an den Arbeiten beteiligt war, musste ich doch immer von Hamburg aus pendeln. So machte sich also der ganze Hausstand daran, das Boot mit mehreren Nass-in-nass-Schichten D1 von Owatrol zu imprägnieren. Innerhalb der nächsten Tage waren zwei weitere Schichten zur Oberflächenversiegelung aufgetragen und die Planken weitestgehend vor weiterem Austrocknen geschützt. Die Scheuerleiste liebevoll von Korrosion befreit, strahlt nun das Überwasserschiff nur so vor Frische.

 

Unsere Idee war, nach der bewährten Kombination aus der Imprägnierung D1 und dem dazugehörigen Lacköl D2 die neue Oberfläche aufzubauen. Zuvor hatten wir immer Benar verwendet, wollten aber diesmal der Struktur und Farbe des doch noch so schönen und gesunden Holzes nicht durch den abdunkelnden Lack die Show stehlen. Aktuell ist der Aufbau der Lackschichten in Arbeit. Es ist wiederum die Family, die in diesen Zeiten anpacken muss – wobei das lackieren ja eine der schöneren Arbeiten ist.  

Drei Schichten D2 sehr fein aufgetragen, so der Hersteller, entsprächen einer Schicht konventionellen Hartlacks. So müssten mindestens 6-8 Schichten auf einen mit D1 imprägnierten Untergrund. Wetter und Wind müssen dabei natürlich stets berücksichtigt werden, will man nach einer Draußen-Lackierung eine saubere Oberfläche haben. Auch Aufbau und Mast bekommen nach einmal Anschleifen zwei weitere Schichten des Lacköles. Wir sind gespannt, wie das Boot mit der holzechten „neuen“ Farbe im Wasser machen wird. Vielleicht wechseln wir in dem Zuge konsequent auf die hellere Variante, auch weil Toplicht mittlerweile aufgrund einer Rezeptänderung von Benar abrät…

So weit möglich, planen wir sobald die Kontaktsperre und Beschränkungen für Sportboote hoffentlich irgendwann wieder aufgehoben werden, das Boot seinem Element zu übergeben.

Und am 20.09. kann dann hoffentlich die Rumregatta stattfinden!

Bis dahin bleibt alle gesund, verliert nicht die die Zuversicht und allen Segler*innen, bald wieder ’ne Handbreit Wasser unterm Kiel!

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